Exkursionen

Pfiffe bringen Unglück
Freitag, 08.10.2010
Highslide JS
Zwei Tage im Hans-Otto-Theater Potsdam

Was nimmt der Schauspieler auf der Bühne von den Zuschauern wahr? Was sind Umlaufteppich oder Zuckerglas? Wie wird man Theatermaler? Wie lange proben die Schauspieler für ein neues Stück?

Antworten auf diese und viele andere Fragen erhielten wir (Schülerinnen und Schüler der Klassen 7B und 7C sowie begleitende Lehrerinnen und Lehrer) während eines zweitägigen Aufenthalts im Hans-Otto-Theater in Potsdam.# Kerstin Kusch, Referentin Theater für Junge Zuschauer und Theaterpädagogin, zeigte uns das Neue Theater und erklärte, wie Theater funktioniert. Der Weg führte uns von der Ensemblewand mit den Bildern der 23 Schauspieler, die in dieser Saison in verschiedenen Stücken auftreten, in den Zuschauerraum, auf die Bühne, hinter die Bühne, in die Dekoabteilung, den Fundus, die Schneiderei, den Malsaal, die Kaschierwerkstatt, die Schreinerei, vorbei am Schminkplan und den Besetzungszettel. Während dieser informativen Tour hatte jeder die Möglichkeit, sich das herauszusuchen, was individuell von besonderem Interesse ist, in direkten Kontakt mit den vielfältigen Handwerkern des Theaters zu treten und ihnen Fragen zu stellen.

Die längste Zeit verweilten wir in den Bereichen, die man als Zuschauer sonst nicht zu sehen bekommt. Auf der bereits für die Vorstellung präparierten Bühne erfuhren wir, dass die Schauspieler recht viel von den Zuschauern im Saal wahrnehmen, vor allem Licht, wie das Leuchten eines Handys oder eine Tür, die sich öffnet, weil mitten in der Vorstellung jemand zur Toilette geht. Manchmal irritiert es sie so sehr, dass sie völlig aus dem Konzept gebracht werden. Hinter der Bühne sieht es weniger beeindruckend aus, dieser Teil dient teilweise als Lagerstätte für Requisiten, die so groß sind, dass sie nicht mit den herkömmlichen Mitteln transportiert werden können. Der Umlaufteppich schluckt die Geräusche von schweren Stiefeln, klappernden Absätzen und polternden Tritten der Schauspieler, weil sie im Zuschauerraum nicht gehört werden dürfen. Besonders amüsant gestaltete sich für uns der Aufenthalt im Kostümfundus, wo wir sogar Kostüme aus den unterschiedlichsten Zeiten anprobieren durften. Manche sind so schwer, dass mehrere Ankleider beim An- und Ausziehen helfen müssen. Im Malsaal konnten wir einem Theatermaler dabei zusehen, wie er vor einer riesigen, auf der Erde liegenden Leinwand stand und mit einer Hand das Bühnenbild malte. Trotz der körperlich anstrengenden Tätigkeit bemerkten wir die Liebe zu seinem Beruf, die sich aus seiner Freude am Malen seit der Schulzeit entwickelte. Er ist einer von den insgesamt 135 Mitarbeitern, die dafür sorgen, dass Theater ein Genuss für alle Sinne wird. Nebenan erklärte uns Eva Müller, dass Glas im Theater wegen der Verletzungsgefahr ganz selten benutzt wird. Als Ersatz dienen unter anderem Zuckerglasflaschen, welche echt wirken, aber nicht weh tun, wenn man damit jemandem auf den Kopf oder ins Gesicht schlägt.

Am nächsten Tag sahen wir die Inszenierung "Drachenreiter" nach dem gleichnamigen Roman der bekannten Kinderbuchautorin Cornelia Funke. Das Theaterstück für junge Zuschauer erzählt die Geschichte einer abenteuerlichen Reise, auf der der Junge namens Ben (gespielt von Friedemann Eckert) durch die Kraft der Freundschaft über sich hinauswächst und am Ende jeder auf seine Art das findet, wonach er gesucht hat. Im Anschluss nahmen sich die Dramaturgin Nadja Hess und 4 Schauspieler Zeit für uns, um unsere Fragen zu beantworten und aus eigenen Erfahrungen zu erzählen. Nicht alle Mitwirkenden konnten dabei sein, weil im Theater viele Veranstaltungen parallel laufen und in kurzer Zeit äußerst viel passieren muss. So wird für ein neues Stück nur 6 bis 7 Wochen geprobt, dann kann die Premiere stattfinden. Der Schauspieler Josip Čuljak (im Stück der Drache Lung) zeigte anschaulich den Trick, wie man weint, wenn es die Rolle im Theater verlangt; schließlich kann man dort nicht wie im Film mit Tricks arbeiten, sondern muss wirklich Tränen fließen lassen. Natürlich kennen die Akteure auf ihren Beruf bezogene Redewendungen und Aussprüche, wobei jeder seine individuelle Weise hat, damit umzugehen. Vieles davon gehört inzwischen zum Aberglauben, sollte aus Respekt vor der großartigen Leistung der Schauspieler dennoch Beachtung finden.

Applaus ist der Lohn des Schauspielers!!! Pfeifen dagegen ist in vielen Häusern noch heute verpönt, weil es nach einem Aberglauben Unglück bringt. Das geht auf die Zeit zurück, als noch Gas- oder Öllampen benutzt wurden, um die Bühne zu beleuchten. Wenn der Brennstoff dieser Lampen zur Neige ging, erzeugten sie einen Pfeiflaut, sodass der Beleuchter wusste, um welche Lampe er sich kümmern musste. Menschliches Pfeifen konnte zu großem Chaos im Proben- oder Vorstellungsraum führen.


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