...und sonst so?

Johann Schneider
Wenn Geschichte plötzlich spürbar wird
Dienstag, 22.05.2018
Highslide JS
Geschichte wird immer dann begreifbar und löst Emotionen aus, wenn wir sie nachfühlen können. Geschichtslehrer, die uns den im heutigen Polen gelegenen Ort Auschwitz näherbringen oder die von Reichsparteitagen in Nürnberg sprechen, sind sich bewusst, dass kaum ein Schüler begreifen wird, welche waren Ausmaße die nationalsozialistische Diktatur mit sich brachte.
Wie ein Schlag hingegen fährt es einem in die Glieder, wenn man realisiert, dass auch hier vor Ort, in Belzig, eine deutliche Ausprägung des Nationalsozialismus ansässig war.

Anlässlich der kampflosen Übergabe der Stadt Bad Belzig am 03.05.1945 fand zum wiederholten Male die Gedenkfeier auf dem Gelände des ehemaligen Frauenkonzentrationslagers Röderhof statt. Wenn dieser Ort auch nur zum Außenlager diente, so spürt jeder geschichtsbewusste Mensch noch immer die unheimliche Stimmung, die die grünen Wiesen umgibt.

Um den Gedenkstein im Grünen Grund herrscht eiserne Ruhe, nur die leisen Schritte der Anwesenden zur Trauer sind zu hören. Dann stimmt ein kleiner Chor Lieder in verschiedensten Sprachen an, sie erinnern an die schrecklichen Schicksale der armen Seelen aus Polen, der Sowjetunion, dem Deutschen Reich und weiteren Ländern östlich der heutigen Bundesrepublik. Ein Ruck geht durch die Menge, die Reden, besonders die der letzten Angehörigen der Opfer des Zwangsarbeitslagers berühren die Gemüter.
Eine durchaus zur Diskussion veranlassende Trauerfeier geht nach etwa einer Stunde zu Ende und hinterlässt die Anwesenden mit gemischten Gefühlen. Gehört hat man viel, aber begriffen viel zu wenig. Jedes Wort aus berührten Kehlen zwang einen selbst zum Nachdenken und zum Begreifen.
Für den Geschichtsleistungskurs stellte die Begegnung mit so lebendiger Geschichte nur wenige hundert Meter vom Gymnasium entfernt eine Konfrontation dar, die sich in keiner Theorie veranschaulichen lässt. Die Realität des gleichgeschalteten Führerstaates stand so nahe vor unserer Tür.

Unter dem Gesang und dem Vortrag einiger Gedanken und anhaltender Reden ging leider die Bedeutung des Standortes etwas unter, so wurde viel über Demokratie und deren Förderung geredet, hier hätten mehr Wortbeiträge zum Konzentrationslager durchaus wünschenswert sein können. Im 73. Jahr der Befreiung wäre dies eine passendere Methode gewesen, den Überresten des Ortes eine Geschichte zu geben, so hinterließ die Gedenkveranstaltung ein gespaltenes Bild.

Johann Schneider für den Leistungskurs Geschichte 11 GE1



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