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...und sonst so?

Dr. Sebastian Möller
Lilly Lindner berührt das Fläming Gymnasium
Samstag, 23.04.2016
Highslide JS
Wie laut hört sich eigentlich Stille an? Im prall gefüllten Klausurraum des Fläming-Gymnasiums sitzen fast 200 Schüler, Lehrer und Gäste. Am Boden des Bühnenbereichs liegen Blätter, viele Blätter. Skizzen, Zeichnungen und Seiten mit nur wenigen Worten darauf. Lilly Lindner sitzt auf zwei Tischen, im Schneidersitz, hält ein Buch in den Händen und ihr Blick schweift leer im Raum. Ihre Lesung beginnt mit Placebos „song to say goodbye”. Doch wovon möchte sich Lilly Lindner verabschieden? Das Publikum verstummt und während der knapp 90 Minuten kann man eine fallende Stecknadel im Raum hören. Die Blicke wandern zu und mit Lilly Lindner, die mal auf einem Tisch sitzt, darauf steht, von oben in die Arme ihres Begleiters Oliver Neitzel springt oder sich in dessen Armen einschmiegt, als suche sie Geborgenheit.#

Immer wieder wirft Lilly Lindner Blattsammlungen in die Höhe oder legt diese einzeln und bewusst gewählt neben die Sitzreihen. Dann sitzt sie wieder im Schneidersitz mit einem Buch in der Hand. Drei rote Wollknäuele wandern durch das Publikum und auch Lilly Lindner wird in dieses entstehende Netz eingebunden. Sie legt sich ihren Faden über die Schulter und um den Kopf. Sie erklärt, es sei ein Netz ihrer Gedanken. Spinnweben, die so verwirrend sind und sich deshalb niemand aus dem Publikum darin verirren sollte. Sie selbst hat sich darin verloren. Lilly Lindner trägt Episoden ihrer Romane „Bevor ich falle“ und „Splitterfasernackt“ frei vor. Sie braucht keinen Text zum Vorlesen. Sie hat diesen Schmerz um Missbrauch, Magersucht und Prostitution erlebt. Ihr Blick ist wieder phasenweise leer. Es fällt ihr schwer, sagt sie, andere Menschen anzusehen.

Ihr Auftritt berührt. Ihre Stimme ist selbst in der letzten Reihe kristallklar. Umso schmerzlicher trifft das Publikum die sezierende und dennoch so poetische Sprachgewalt. Lilly Lindner beendet ihre Lesung mit der Frage: „Wer hat diesen Schmerz auch schon erlebt?“ Zuerst steht eine junge Frau auf, dann weitere. Stille kann auch laut sein. Lilly Lindner schreibt in ihrem Roman Bevor ich falle „Du weißt nicht, wie sich Stille anfühlt. Bis sie dich anbrüllt.“ Die Lesung ist zu Ende, doch das Publikum bleibt sitzen. Ein Abschied, der schwer fällt, da eine fremde zu einer eigenen Geschichte wird oder eine von diesen hervorruft, die bitter schmeckt.



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